Flohmarkt

Predigt über Psalm 23

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Bild: freepic / asthenop

Einführung

Als Kind hatte ich mal ein Mikroskop. Nix besonderes, aber es war erstaunlich, was man da bei zig-facher Vergrößerung so alles gesehen hat. Ich habe plötzlich Einzelheiten entdeckt, die mir sonst nie so aufgefallen wären. Gerade bei ganz bekannten Gegenständen, wie z.B. einen Grashalm. Da denkt man, man weiß ja wie so was  aussieht – und entdeckt dann doch noch etwas Neues.

Bei Bibeltexten geht es mir manchmal genauso. „Kenn ich schon“, höre ich mich manchmal sagen: beim „verlorene Sohn“, der Weihnachtsgeschichte oder anderen Bibel-Klassikern. Auch der Ps. 23 gehört hier dazu. Aber gerade ihn möchte ich heute mal unters „Mikroskop“ legen. Gerade bei so bekannten Texten  muss man schon etwas genauer hinsehen, damit man noch etwas Neues entdeckt.

Diesen Versuch will ich heute mit ihnen wagen – und ein paar Entdeckungen mit ihnen teilen.

 

Predigt

Psalm 23 nach der Übersetzung von Martin Buber:

Ein Harfenlied Davids. Er ist mein Hirt, mir mangelts nicht.
Auf Grastriften lagert er mich, zu Wassern der Ruh führt er mich.
Die Seele mir bringt er zurück, er leitet mich in wahrhaftigen Gleisen
um seines Namens willen.

Auch wenn ich gehn muß durch die Todschattenschlucht,
fürchte ich nicht Böses, denn du bist bei mir, dein Stab, deine Stütze – die trösten mich.
Du rüstest den Tisch mir meinen Drängern zugegen, streichst das Haupt mir mit Öl,
mein Kelch ist Genügen.

Nur Gutes und Holdes verfolgen mich nun alle Tage meines Lebens,
ich kehre zurück zu Deinem Haus für die Länge der Tage.


Wie schon gesagt, möchte ich in dieser Predigt etwas genauer hinschauen, indem ich erstens, ein paar Wörter herausgreife und sie einmal unter das „Predigt-Mikroskop“ lege und zweitens, frage, ob uns der Psalm auch etwas zum großen Thema: „Nachfolge“ sagt. Die steckt da ja irgendwie mit  ´drin…

Die Schafe folgen ja auch dem Hirten nach…
Deshalb zieht sich Nachfolge m.E. wie ein roter Faden durch den ganzen Psalm.

Bei dem Wort „Nachfolge“ erinnere ich mich noch an den Unterricht im Johanneum damals sagte der Direktor: Man solle nicht „Nachfolge“ sagen, sondern besser „nachfolgen“. Es sei ein Verb und kein Substantiv.Im NT wird es auch eher als Verb gebraucht. Nachfolge wäre doch eine Bewegung, so der Direktor, kein Zustand. Ein Prozess,- ein sich immer wieder auf den Weg machen. Dann würden auch nicht so komische fromme Sätze entstehen wie:„Ich stehe in der Nachfolge“.

Im Ps 23 wird Nachfolge mit vielen bewegten Bildern beschrieben. Schauen wir uns ein paar Wörter zu diesen Bildern an. Die ersten beiden Wörter sind:

 Folgen und Bleiben (V.6)

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Nachfolge funktioniert doch meistens so, dass der Meister vorausgeht und seine Schüler ihm hinterhergehen – ihm eben nachfolgen. Das kann man sich ja auch ganz gut (bildlich) so vorstellen. Vers
6 dreht aber das Bild des Nachfolgens um! Nicht ich folge … – sondern mir folgt etwas nach. D.h. mich begleitet etwas, nämlich: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

Nun … – in der Regel verfolgen uns ganz andere Dinge im Alltag:
> Mails, ToDo-Listen, die nicht kleiner werden,
> Probleme am Arbeitsplatz – die man mit nach Hause nimmt,
> Verletzungen und Vorwürfe,
> Termine, Erwartungen; Sorgen usw… 

Hier im Psalm ist es nun etwas Schönes, was mich verfolgt: nämlich Gutes & Barmherzigkeit. Eine schöne Vorstellung! Am Beginn der Nachfolge (dem nachfolgen) muss  nicht ich   etwas leisten oder vollbringen,  sondern wird mir etwas geschenkt:  Etwas Gutes das ich erfahre –  Oder anders gesagt: das Gute, das ist Gottes Barmherzigkeit, die mir folgt.

Und nun zum zweiten Verb in diesem Satz: dem  „bleiben“.
… und ich werde
bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Bleiben im Hause des Herrn. Nachfolge ist also nicht nur unterwegs sein, sich abmühen – sondern auch immer wieder heimkommen dürfen.

Kennen sie diese neumodischen Saugroboter? Die ausschauen wie große Suppenschüsseln, die eigenständig in der Wohnung herumfahren und alles saubermachen? Wenn bei denen der Akku leer oder der Staubbeutel voll ist, kehren sie um, – sie wissen nämlich genau wo ihre Ladestation ist, klinken sich dort ein, laden dort ihre Akkus auf und manche können sogar dort den eingesammelten Dreck loswerden.

Vielleicht ist es das, was wir hier jeden Sonntag tun, wenn wir Gottesdienst feiern: nicht den Boden saugen, aber unsere Akkus aufladen, den Dreck loswerden. Aus einer Woche Alltag, mit all seinen Anforderungen, Schwierigkeiten und Belastungen –  zum Haus Gottes zurückkommen.
Für mich auch ein sehr starkes Bild:  … heimkommen – zu Gott: in einen Gottesdienst; zum Jugendgottesdienst; zur Gruppenstunde; zum Hauskreis; zum Gemeindegebet; zu einer netten Einladung und einem guten Gespräch  – also dorthin, wo Christen sich treffen und über Gott und die Welt ins Gespräch kommen.

Der Psalm erinnert uns: Es ist wichtig sich seine Nachfolge-Akkus immer wieder aufzuladen. Und … wenn Lth. richtig übersetzt hätte, würde auch das mit dem „Dreck entsorgen“ von meinem „Saugroboter-Beispiel“ noch besser passen: Ich weiß nicht genau, warum hier Luther „bleiben“ als Üss verwendet. Im Hebr. steht da „schub“ – und wörtlich übersetzt heißt dies: Buße tun; Umkehr; zurückkehren.
Also müsste man den Vers eher so übersetzen: Ich kehre immer wieder zu deinem Haus um.

Gerade wenn es mir schlecht geht, ich viell. Schuld und Dreck mit mir herumtrage – kann und darf ich immer wieder umkehren und dies alles im Hause Gottes, in der Gemeinde loswerden. Eine große Aufgabe und Herausforderung- für eine Gemeinde; für uns als Gemeinschaft; für mich persönlich, – ob ich mich traue über belastende Dinge zu sprechen. oder ob ich einer bin, dem man so etwas anvertrauen kann.

Heimkommen, wo ich verstanden werde und mir nicht nur oberflächlich Hallo gesagt wird. Folgen und bleiben, zwei wichtige Begriffe und zumindest eine große Aufgabe.

Kommen wir nun zu den nächsten beiden Wörtern:

 Er und Ich (V. 1-3)

In den ersten Versen des Ps. wimmelt es geradezu von „Er´s“ und „Ich´s“:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er
führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Hier wird deutlich was ER – Gott, alles macht: „Er“ der Hirte weidet; – er erquicket; – er führt. Der Hirte ist aktiv! Da passiert etwas. Und alle diese Aktivitäten haben ein Ziel: nämlich „mich“.

Und was macht der Hirte nun genau:
Erstmal: Er führet
mich zum frischen Wasser: (Lth.)
Buber: zu Wassern der Ruh´ führt er mich – was genauer ist.

Der Begriff kommt im AT häufig vor: Ich habe euch zur Ruhe gebracht; Ich will euch Ruhe geben; Ihr sollt Ruhe finden…usw. Ruhe bedeutet hier keine Grabesstille – sondern Ruhe ist der Ort des Friedens – inmitten einer Welt des Unfriedens und der Hektik. Das scheint wichtig zu sein:Wir dürfen Ruhe finden bei Gott.Zu Wassern der Ruhe führt er mich.

Wie bereits gesagt: umkehren, heimkommen dürfen, Ruhe finden – auch das gehört zum großen Thema: „Jesus nachzufolgen“. Der Hirte will uns zu den Wassern der Ruhe führen.
Die Frage ist nur, ob wir mit ihm da hingehen…? Überlegen sie doch mal, was dies konkret für sie bedeuten könnte,
ob dies in ihrem Tages- bzw. Wochenablauf vorkommt. Oder ist ihr erster Gedanke – dazu habe ich eigentlich keine Zeit? Irgendwann mal … Der nächste Gemeindetermin wartet ja schon und dafür gibt es noch viel vorzubereiten.

Zu Wassern der Ruhe führt er mich. Wann war dies das letzte Mal bei Ihnen, wo dies so war?

Und auch das nächste Satz ist etwas Schönes:  Er erquicket meine Seele:

Luther übersetzt dies in genialer Freiheit, aber ohne Berücksichtigung oder Rücksicht auf irgendwelche Wörterbücher. Für „erquicket“ steht da ein Wort, das sie bereits aus V.6 kennen – und was ich bei der Lth-Üss so nicht erwartet hätte: Da steht wieder dieses „schub“.Und sie erinnern sich, es heißt (Üss.): „Umkehr“ , „Buße tun“. – also kann man es eigentlich nicht mit „erquicken“ übersetzten?! (Bei allem Respekt).
Buber: Die Seele, mir bringt er sie zurück. Eigene Üss.: Er wendet meine Seele wieder in die richtige Richtung. Auch ein schönes Bild:
Er wendet meine Seele wieder in die richtige Richtung.

Unterhalten sie sich doch mal wieder mit ihrer Seele. Was bräuchte sie, was würde ihr gut tun? Von was müssten sie viell. sogar umkehren? Von was sich trennen, zu was hinwenden?
Und dann unterhalten sie sich darüber mit Gott. Er gibt ihnen mit diesem Vers ja ein Versprechen: Ich will deine Seele wieder in die richtige Richtung wenden. Und … – seien sie gespannt, wie er dieses Versprechen bei Ihnen konkret umsetzt.

Sie merken jetzt vielleicht – wenn man mal genauer hinsieht, kann man in ein paar kleinen Psalm-Worten ganz viel entdecken. Deshalb möchte ich die letzten Punkte noch einmal zusammenfassen:

 > Durch Gnade und Barmherzigkeit finde ich immer wieder den Weg zurück zu Gott.

 > In seiner Gegenwart kommt meine Seele, mein Leben wieder ins Lot.

 > aber dies geschieht nicht nebenbei, das braucht Zeit und Ruhe – an den Wassern der Ruhe geschieht dies, nicht im hektischen Alltags- und auch nicht im vielfältigen Gemeindeleben!

 Kommen wir zu den letzten beiden Wörtern:

Ich und Du

Damit wird der Psalm auch immer persönlicher.
Im ersten Teil habe ich ja fast einen paradiesischen Zustand beschrieben. Da war davon die Rede, dass Gutes und Barmherzigkeit mich verfolgen; da ist die Rede von „grüne Auen“ und vom „frisches Wasser… von der Ruhe für die Seele“ … Vielleicht dachten sie – mag sein, dass dies für viele hier zutrifft, aber eben doch nicht für mich. Da gibt es Menschen, denen der Tod, eine Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag das ganze Leben durcheinandergeworfen haben.
Nicht jeder kann so unbeschwert vom Glück, Barmherzigkeit und grünen Wiesen reden. Deshalb spricht der Psalmbeter eben auch von einem finsteren Tal und vom Angesicht der Feinde.

Der Ps. zeigt uns eben kein kitschiges Bild von einem schönen frommen Leben. (Kawohl-Kalender). Der PS. schließt die Realität mit ein. Er zeigt ein Leben wie es wirklich ist.Und neben den idyllischen, schönen Bildern des Psalms: so kann das Leben ja auch sein,  (von daher: wenn es ihnen gefällt, kaufen sie sich ruhig einen Kawohl-Kalender) wird aber hier auch vom „finsteren Tal“ und von „Feinden“ gesprochen, die für alle Widrigkeiten des Lebens stehen.

Das finstere Tal ist dann tatsächlich wirklich finster. Da gibt es auch nichts schön zu reden. Schon gar nicht von denen, die oben stehen und Durchhalteparolen nach unten rufen. Und selbst der Hirte macht ja dieses dunkle Tal nicht plötzlich hell und angenehm. Nein, nein – es bleibt dunkel und finster. Aber der Hirte ist da: mit Stecken und Stab ausgerüstet. Sie waren sein wichtigstes Handwerkszeug. Damit konnte er die Tiere schützen, notfalls verteidigen oder auch mal aus einem Gebüsch angeln.

Im dunklen Tal darf ich wissen: Der gute Hirte ist bei mir. Er geht mit. Der Psalm-Beter weiß um diesen Schutz und er spürt ihn immer wieder mal – viell. manchmal nur sanft und unaufdringlich. Deshalb ist jetzt – im dunklen Tal -, wenn alles andere wegbricht – das Du wichtig, das Wissen, ich bin nicht allein unterwegs:
Du
bist bei mir!
Dein
Stecken und Stab trösten mich.
Du
bereitest vor mir …
Du
salbest mein Haupt mit Öl
Du
bist bei mir

In der alten Kirche wurde vor dem Abendmahl oft der Ps. 23 gebetet. Sicher auch im Blick auf den Tisch, der für uns gedeckt wird. Bei jeder Mahlfeier dürfen wir daran denken, dass uns ein Tisch bereitet wird, Auch und gerade im Angesicht der Widrigkeiten des Lebens, in schweren dunklen Tagen des Lebens.

Zu Gott dürfen wir immer wieder umkehren. Im Hause Gottes und an seinem Tisch ist Platz.Da wird keiner übersehen. Und wenn sie viel Ballast mit sich herumtragen –  und viell. denken – so kann ich nicht zum „Tisch des Herrn“ kommen – dann würde ich sagen: gerade dann!

Stellen sie sich doch einfach vor Gott steht beim nächsten AM hier vorne und begrüßt sie mit den Worten: Es ist gut, dass du jetzt da bist.
Und stellen sie sich weiter vor: wenn wir nach dem Leben hier auf dieser Erde — für immer in sein Haus einziehen dürfen, für immer heimkommen und nicht mehr gehen müssen – begrüßt uns Gott viell. auch mit den gleichen Worten: Es ist gut, dass du jetzt da bist!

Dazu sind wir eingeladen, auch – und gerade dann –  wenn es uns vielleicht mal nicht so gut geht,  und uns die Tränen nahe sind.   Amen.

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