Flohmarkt

Lied zur Jahreslosung 2015

Weitere Infos gibt es hier.

Hier (m)eine Andacht zum Lied:

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“
(Rö. 15,7)

Für mich ist es schon eine kleine Tradition, sich am Beginn des Jahres mit der Jahreslosung etwas genauer zu beschäftigen.
U.a. habe ich ein Lied darüber gefunden. Es handelt von der Spannung und dem Anspruch dieses Verses: einander anzunehmen, aufeinander zuzugehen —
und auf der anderen Seite – der Wirklichkeit, die dies oft verhindert.
So beginnt dieses Lied:

In meinen Gefühlen gefangen, begrenzt auf das eigene Ich, begegne ich anderen Menschen. Doch interessieren sie mich?

Ich finde mich in diesem Satz wieder. Ehrlich, aufdeckend: Menschen sehen, sie annehmen. Gar nicht so einfach, was die Jahreslosung da von uns fordert. In der Funktion als Seelsorger geht das noch. Da gehe ich ja mit diesem Auftrag in die Klinik. Aber sonst – in meiner Freizeit sozusagen? Mit meinen Gefühlen bin ich dann doch öfters bei mir und weit weg von den anderen.
Und wenn da auch noch Menschen kommen, die mir nicht auf Anhieb sympathisch sind – wird es noch schwieriger.

Wen hat Pls da wohl vor Augen, wenn er den Satz: „Nehmt einander an…“, schreibt?
Damals wie heute leben Einzelne, Gruppen oder ganze Gemeinden ihren Glauben sehr unterschiedlich: da gibt es ein bestimmtes Tauf- und Abendmahlverständnis. Die einen finden Lobpreislieder gut, andere bestimmte überlieferte (alte) Liturgieformen. Für die einen gehört tägliche Bibellese dazu, für andere politisches Engagement. Und jedes Alter, jede Generation hat dabei noch seine ganz eigne, individuelle Sichtweise.
Und zwischen den einzelnen Gruppierungen (auch innerhalb einer Gemeinde) sind so kleinere oder größere Gräben und Hierarchien entstanden. Ich begegne dann zwar diesen Menschen – aber es gibt oft viele Gründe, warum sie mich dann doch nicht interessieren. So bin ich in meinen Gefühlen gefangen, begrenzt auf mich. Und spüre meine Grenzen.

 

In einer weiteren Textzeile heißt es:
In meinen Gedanken gefangen, wohl wissend, was gut und was schlecht,
bewerte ich andere Menschen. Doch – wem werd‘ ich dabei gerecht?

 

Ich bewerte andere (ja das stimmt wohl) – und wenn ich ehrlich bin, komme ich oft besser dabei weg als die anderen. Weil ich mir einbilde zu wissen was gut und richtig ist. Ich finde dann auch noch genug Bibelstellen die meine Haltung unterstützen. OK, es gibt vielleicht auch andere, die vielleicht manches in Frage stellen würden – aber die sind dann nach meiner Einschätzung auch nicht so wichtig.
Und die Folge – wenn ich das Handeln anderer bewerte? Desinteresse, Abwertung, Misstrauen. Dabei merke ich gar nicht, dass ich oft der bin, der Steine in den Weg legt – und nicht der andere. So bin ich in meinen Gedanken gefangen, die manchmal ganz schnell in schwarz oder weiß einteilen. Nicht nur Menschen…

 

Der Text geht so weiter:
In meiner Geschichte gefangen, mit Mauern im Kopf aufgebaut, misstraue ich anderen Menschen. Doch – was wird mir dadurch verbaut?

 

Ob mir das immer bewusst ist – ich bin gefangen mit und durch meine Geschichte. Mein Vorbehalt, meine Einstellung anderen Gegenüber hat vielleicht tiefe Wurzeln in meiner Vergangenheit. Glaube verwechsle ich dann vielleicht mit gewachsener Tradition. Was ich für richtig empfinde hat vielleicht seine Wurzeln bei den Menschen und Erfahrungen, die mich geprägt haben.
Wer schon mal versucht hat Wurzeln auszugraben, weiß wie schwer das ist.
Und es fällt vielleicht schwer mir vorzustellen, dass andere ganz eigne – aber auch andere – Erfahrungen im Glauben und Leben gemacht haben.

Natürlich sind Wurzeln gut, sie halten mich – sie machen mich aber auch unflexibel, verbauen mir Zugänge, legen mich fest. So bin ich in meiner Geschichte gefangen. Ich finde das einen interessanten Gedanken: Meine Geschichte, vielleicht bestimmte Erfahrungen können Mauern in meinem Kopf bauen.


Dies ist der Teil des Liedes, der die Schwierigkeit aufzeigt, wenn wir die Jahreslosung ernst nehmen und wenn wir versuchen wollen versuchen sie umzusetzen.
Aber wie kann dies trotzdem gelingen? Gute gemeinte, oberflächliche Vorsätze werden nicht reichen. Gibt es Hilfe? Reicht hier die eigene Kraft? Einen sehr guten Vorschlag macht hier der Refrain:

Ich denke daran, was Christus getan. Wie er mit mir weint, doch auch feiert und singt, den Himmel zur Erde bringt.

Wenn ich in meinem Glauben etwas ändern will muss ich von mir selber wegsehen – hin zu Jesus. (In dem Lied wird diese Veränderung auch durch einen erweiterten Rhythmus angezeigt.)
Auch der eigene eingefahrene Rhythmus unseres Lebens kann durch diese neue Blickrichtung verändert werden.

Lesen wir die Evangelium doch einmal so: Wie ist Jesus den Menschen damals ganz konkret begegnet. Wie war das, als er mit den Menschen geweint und gefeiert hat.
Woran haben diese Menschen wohl gespürt, dass ihnen der Himmel durch diese Begegnung mit Jesus näher gekommen ist?
Was würde dem Petrus, der Ehebrecherin, Zachäus, Bartimäus einfallen, wenn sie an die Begegnung mit Jesus denken?

Und neben den eigenen persönlichen Jesus-Begegnungs-Geschichten wollen alle Evangelisten wollen (da bin ich mir sicher), das wir uns selber in ihren aufgeschriebenen Geschichten wiederfinden. Wir sollen ein Teil davon werden – und uns je nachdem in dem einen oder anderen wiederfinden.

Vielleicht bin ich gerade „der verlorene Sohn“ der darum ringt, wie eine neue Begegnung mit dem Vater wohl aussehen könnte, nachdem man so lange keinen Kontakt hatte; vielleicht bin ich die Frau am Jakobsbrunnen die so viel Unrat in ihrem Leben angesammelt hat – und trotzdem (und vielleicht gerade deshalb) sehr genau spürt dass Jesus sie liebevoll ansieht. Oder bin ich vielleicht ein Priester der weiß wie Glaube funktioniert und was alles dazugehört, und was nicht – und dem es ganz komisch wird, weil er merkt, dass Jesus anders ist, als er sich das wünscht.

Jesus begegnet diesen Menschen (und vielen anderen) ganz unterschiedlich aber immer so, dass sie spüren: da ist mehr als ich erwartet und erhofft habe.

Nicht meine eigenen Vorsätze werden mir helfen, die Jahreslosung ein Stück weit umzusetzen, sondern die Begegnung, der Kontakt mit Jesus. Das Lied ist kein Befehl – aber vielleicht eine Spur der wir in diesem Jahr folgen könnten:

Wie Christus mir begegnet, mich annimmt und mich segnet.
So will ich dir begegnen, dich annehmen und segnen.
Ich denke daran, was Christus getan.

Vielleicht könnte man es so zusammenfassen:
Wie Christus mir – so ich dir.

Ich finde es gut, dass in dem Lied jetzt auch ein paar Zusagen, Verheißungen folgen:

Wie er Menschen sieht, die Geduld nicht verliert, mich liebevoll korrigiert.

Er verliert nicht die Geduld mit mir; – er korrigiert mich; er weiß wie es mir geht; – kennt meine Ängste und Grenzen durch meine Gefühle, Gedanken und meine Geschichte.

Ich denke daran, was Christus getan. Wie er mit mir fühlt, meine Ängstlichkeit spürt und mich in die Weite führt.

Diese Verheißung gilt. Und auch bei allem Bemühungen und aller Unvollkommenheit und Unsicherheit dürfen wir wissen: Jesus verliert nicht die Geduld mit mir und auch manche Unvollkommenheit im Umgang mit anderen in diesem Jahr wird mit seinem Segen gute Spuren hinterlassen.
Amen.

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