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Einfach systemisch!


Vorwort

Aktualisiert am:  19. 10.´12

„Systemik“ ist ein Ansatz in der Beratung/Seelsorge, der mich persönlich sehr angesprochen hat. Durch Literatur und eine längere Fortbildung habe ich dieses Modell kennen- und schätzen gelernt.

Auf dieser Seite meines Blogs will ich nun versuchen, ein paar Grundlagen aufzuführen, die ich interessant und auch hilfreich finde. Ich will versuchen ein paar theoretische und praktische Basics aufzuschreiben, die man hoffentlich auch ohne Vorkenntnis oder Fortbildung versteht.

Benutzen Sie doch diese Seite wie einen „Steinbruch“. Vielleicht ist ein Gedanke oder ein Beispiel dabei, das Sie anspricht und das vielleicht auch einmal in einem Gespräch hilfreich sein kann.

(Ich habe vor, diese Seite immer wieder zu ergänzen und zu überarbeiten)

Was ist „systemisch“?

Systemische Denken unterscheidet sich in seiner Grundhaltung oft vom üblichen Denkmuster. Ein Beispiel: bei einem Problem rückt normalerweise nur der Verursacher in den Blick: Du hast ein Problem … , wir überlegen nun,  wie du es lösen köntest! Der systemische Ansatz geht aber weiter und fragt z.B. auch nach den Beziehungen, den Personen, mit der die betreffende Person verbunden ist.  Das können Familienangehörige und Freunde sein, aber auch andere (lebende oder sogar schon verstorbene Personen), die in irgend einer Form einen bleibenden Einfluss ausgeübt haben oder noch ausüben.

Es geht ums „Ganze“

Bei einem Gespräch ginge es also dann nicht nur um die einzelne Person sondern um das ganze „Beziehungs-System“, in dem dieser Mensch sich bewegt. Probleme werden damit nicht isoliert, sondern in ihrem ganzen Umfeld betrachtet. Neu am systemischen Ansatz ist, dass in diesem ganzen System nach Ursachen des aufgetretenen Problems gesucht wird. Denn es kommt oft vor, dass sich z.B. ein bestimmetes Problemverhalten nur dann zeigt, wenn jemand mit bestimmten Menschen (z.B. Arbeitskollegen) zusammen ist. Wenn dies nicht bedacht wird, kommt es schnell zu voreiligen Bewertungen. Schwierigkeiten werden dann vielleicht nur auf den Charakter oder die Persönlichkeit bezogen. „Der/die ist halt so“ lauten dann oft solche oberflächlichen Festschreibungen.

Deshalb ist es ein Unterschied ob man sagt: „Susi ist aggressiv“ oder „Susi zeigt aggressives Verhalten“. Im ersten Fall geht es scheinbar um Fakten. Susi wird auf ihr Verhalten festgelegt (Verhalten = Susi). Schnell ist sie in eine bestimmten Schublade einsortiert. Durch solche Beschreibungen („die ist halt so“) werden Veränderungen sehr erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht.

Im zweiten Fall wird differenziert – denn es kann gut sein, dass Susi, wenn sie mit ihrer besten Freundin zusammen ist, sich ganz anders verhält. Gute Therapeuten entdecken diese Ausnahmen, nehmen sie wahr und nutzen sie positiv für die Weiterarbeit.

Hier geht es also darum, ein Muster zu erkennen. Neu ist hier, das ein bestimmtes Verhalten nicht auf Fakten beruht, sondern als ein Prozess gesehen wird. So könnte deutlich werden, dass Susi beim Zusammentreffen mit der Gruppe A ein bestimmtes Verhaltensmuster zeigt, beim Treffen mit Gruppe B kann dieses Muster schon wieder ganz anders aussehen. Hier geschieht also keine Festlegung (auch keine Vor-Verurteilung) einer Person, sondern es wird deutlich, das ein bestimmtes Verhalten von verschiedenen Faktoren/Menschen abhängig sein kann. Muster können verändert werden – „Tatsachen“ weniger.

Systemisches Denken geht also von der Annahme aus, dass der Mensch nicht immer gleich ist, sondern in einem Netz von Beziehungen sehr unterschiedliches Verhalten zeigen können. Denn niemand ist eine Insel! Jeder nimmt Einfluss auf seine Umwelt und jeder wird durch seine Umwelt beeinflusst.

Gern wird hier das Bild eines Mobiles verwendet. Jeder ist mit bestimmten Menschen in einem Beziehungssystem verbunden, genauso wie es die einzelnen Teile eines Mobiles sind. Kommt es nun zu einer Veränderung (jemand zieht an einem Mobileteil), hat dies nicht nur Auswirkung auf das Teil an dem gezogen wird, sondern auf das ganze Mobile. Das ganze „System“ kann dadurch durcheineander oder sogar aus dem Gleichgewicht geraten. Auf jeden Fall wird das Mobile versuchen, sich unter den neuen Voraussetzungen neu zu ordnen. Was für ein Mobile gilt, gilt auch für ein menschliches System. Auch hier werden alle in irgend einer Weise reagieren, wenn bei einem Teil ein Problem sichtbar wird.

Zitat: „Die Persönlichkeit, das Ich, verändert sich – je nachdem in welchen Zusammenhängen es handelt, mit welchen Personen es in Austausch tritt.“

Bei einem Gespräch muss mir deshalb vorher klar sein, ob ich wirklich nur ein Beobachter bin oder ob ich nicht mitinvolviert bin in das, was mir erzählt wird. In der Klinik ist es einfach. Wenn ich auf Menschen treffe, die ich nicht kenne, habe ich nur die Außenansicht eines Systems, von dem mir erzählt wird. Anders ist es in in der eigenen Gemeinde. Wird mir da etwas erzählt, habe ich gleich schon eine bestimmte Vorstellung, ein inneres Bild, wie z.B. dieses Gruppe ist, weil ich ja die meisten Menschen hier kenne. „Diese Gruppe ist motiviert, es macht Spaß mit denen zu arbeiten“; „XY ist ein schwieriger Mensch, da muss man ganz genau aufpassen was man sagt“; „YZ ist sehr unzuverlässig, mal schauen ob er an alles gedacht hat“; „Toll, wie sich XZ einbringt“ usw.

Diese Art zu denken und zu beschreiben scheint uns ganz selbstverständlich zu sein. Wir sind es gewohnt als Beobachter auf ein System von außen zu schauen und darüber Aussagen zu machen, die wir für die Wirklichkeit halten. Aber ist mir dabei bewußt, dass ich mit „meiner Sicht der Dinge“ bereits einen Einfluss auf das System ausübe und es verändere, wenn ich mit meiner Einstellung (Wertehaltung; Sichtweise) vielleicht auch noch dorthin komme?

Durch meine Anwesenheit bin ich so auch ein Teil des lebendigen Mobiles geworden und eben nicht nur ein außenstehender – und schon gar kein objektiver Beobachter. Ich beeinflusse das System, agiere und reagiere, präge oder übernehme Muster, die dort vorherrschen.

Trotzdem schafft man es (und man sollte dies auch ab und zu tun), dass ich bewußt die Rolle eines Beobachters einnehme. Denn oft sind wir zu sehr am Geschehen dran und mit Vordergründigen geblendet. Erst in dieser „Metaposition“ wird vielleicht klar, wie sehr ich in ein System verstrickt bin und wo dies posotiv oder auch negativ sein kann.

Lösungs-, nicht problemorientiert!

Eine weitere, gute Grundhaltung des systemischen Denkens ist, dass es „lösungsorientiert“ und nicht „problemorientiert“ ist. Denn über Probleme reden schafft Probleme – über Lösungen reden schafft Lösungen.

 

 

 

 

Dies ist mit einem  Türschloss vergleichbar: das Problem bildet eine Tür, die den Zugang zu einem befriedigenden Leben versperrt. Diese Türe ist aber durch ein stabiles Schloss fest versperrt.  Nun könnte man versuchen herauszufinden, warum das Türschloss so und nicht anders beschaffen ist oder warum es sich nicht öffnen lässt. Dabei ist doch jedem klar, dass man hier die Lösung nur mit Hilfe eines Schlüssels, und nicht mit Hilfe eines Schlosses erlangt. In einem Gespräch ist es also sinnvoller sich über Lösungen/Schlüssel zu unterhalten, als das Schloss zu analysieren. Ich würde sogar behaupten, dass die Beschaffenheit des Schlosses nur eine untergeordnete Rolle spielt.

 Durch dies alles können sich in einem Gespräch interessante Fragen ergeben:

– liegen die Ursachen meines Problems vielleicht nicht nur bei mir, sondern auch außerhalb, in meinem Beziehungssystem?

– habe ich „Muster“ übernommen, die mich heute in meinem Denken und Handeln immer noch beeinflussen? Warum halte ich manche Muster weiterhin am Laufen – obwohl ich doch theoretisch weiß, dass sie mir schaden? Wo gelingt es mir, dies Muster einmal zu unterberchen, wo verhalte ich mich anders als sonst? Wie könnte ich diese „Musterunterbrechungen“ für mich nutzen?

– Wie verhalten sich andere mir gegenüber, wenn das Problem auftritt (fördern sie es vielleicht sogar, oder helfen sie mir bei der Beseitigung) – was würde sich ändern und wie würden sich die anderen verhalten, wenn ich es schaffe das Problem zu lösen?  Usw.

Hier zeigt sich auch: Antworten (ich kanne das Schloß) schließen zu, Fragen (nach dem Schlüssel) öffnen und regen Suchprozesse an. Ein Beispiel: Ein Kind verhält sich im Unterricht agressiv. Die Lehrer, die in dieser Klasse unterrichten haben gute, einleuchtende Hypothesen recherchiert. Aber mit der Zeit macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Zum einen, weil man mit den Theorien in der Vergangenheit verhaftet bleibt und weil man so keine Ausrichtung für die Zukunft findet. Einfache Fragen könnten hier aber wieder Energie ins Team bringen und dafür sorgen, dass die Räder sich zu drehen beginnen und der Karren so aus dem Sumpf kommt. Es könnten folgende Fragen sein: Was an kleinen Schritten wollen wir erreichen? Was wäre für uns ein Erfolg? Welches Ziel könnte xy mit seinem Verhalten verfolgen? usw.

Ich kenne mich am besten!

Eine weitere Säule des systemischen Denkens ist folgende Annahme: nur mein Gesprächspartner kennt sein Problem am besten!

Jeder Zuhörer muss sich also im klaren sein – nur der andere kennt sein Leben, sein“System“ und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten am besten. Und auch wenn mein Gegenüber ausführlich von seinen Schwierigkeiten erzählt, ist das nur ein kleiner Einblick, der mir da eröffnet wird.

Ein Gespräch / Kommunikation ist ja nur ein begreunztes Mittel. Es kann vieles, aber eben nicht alles transportieren. So können Worte nur begrenzt weiterleiten und ausdrücken, was ein anderer erlebt. Diese Begrenztheit der Sprache sollte uns immer bewußt sein. Denn durch ein  Gespräch kann ich eben nicht in das System des anderen eingreifen, ich kann es nur erkunden und versuchen es von außen in irgend einer Form anzustoßen.

Achtung: Zuhören & „Kopf-Kino“

Hier ist beim Zuhörer äußerste Vorsicht geboten! Nämlich dann, wenn sich mein „Kopf-Kino“ einschaltet. Denn durch ein Gespräch wird auch das eigene psychische System angeregt. Eigene Gedanken und Bilder entstehen in mir, die aber meist wenig deckungsgleich mit denen meines Gesprächspartners sind. Hier sollte man lernen, sich selbst zu beobachten: welche Definitionen und Bewertungen entstehen gerade in mir und was lösen sie für Gefühle aus. Denn meine inneren Bilder und die damit verbundenen Empfindungen können das weitere Gespräch stark beinflussen.

Denn wenn ich meinen inneren Bilder zu viel Gewicht gebe, können schnell Lösungsvorschläge präsentiert werden, die für den anderen überhaupt nicht stimmig sind. Diese Lösung passt dann höchstens zu mir und zu meinem System (so würde ich es machen …) – aber der andere kann damit nichts oder wenig anfangen.  Grundsätzlich gilt auch: Vorsicht vor Ratschlägen in einem Gespräch!!

Also gilt festzuhalten: man sollte seinen inneren Bildern mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen und sie immer wieder kritisch kontrollieren, denn es könnte ja auch alles ganz anders sein als ich es gerade vor meinem inneren Auge sehe.  Und in einem Gespräch schadet es ebenfalls nichts, wenn ich mich ab und zu hinterfrage: Wo befindet sich das eigentlich, wovon ich gerade spreche – in meinem Kopf oder „da draußen“.

Sie tun so gut, die Ressourcen!

Der systemische Ansatz geht aber nicht nur davon aus, das der Gesprächspartner sein Problem/System am besten kennt, sondern dass er auch genug Ressourcen in sich besitzt, um sich selbst zu helfen. (Dann wären meine Ratschläge sowie überflüssig!).

Zitat: „Ressourcenorientierung geht davon aus, dass jeder Mensche über ausreichend Möglichkeiten verfügt, ein Problem zu lösen, sie nur zurzeit nicht nutzt, weil es Gründe gibt, sie brachliegen zu lassen.“

Lösungsorientierte Fragen wären in dem Zusammenhang: Was hindert/fördert die Betroffenen, alle Möglichkeiten ihrer Ressource zu nutzen? oder: Welche Konzepte sind dabei hinderlich oder förderlich?

Wichtig ist aber vor allem: erst einmal gut zuhören, sich nicht gleich Ratschläge zurechtlegen (dies kann einem schon beim weiteren Zuhören hintern) und gemeinsam vielleicht nach einem Schlüssel als Problemlösung suchen, gerade dann wenn der andere noch auf das Schloss (Problem) fixiert ist. Konkrete Vorschläge dazu gibt es im Praxis-Teil.

Veränderung geschieht nur dann, wenn der andere selbst für die Ingangsetzung hilfreicher Prozesse sorgt. Ich kann (und sollte) das nicht für ihn tun. Ich kann ihm nur helfen, seinen Horizont zu erweiteren und mit ihm neue Möglichkeiten erarbeiten, die im weiteren Verlauf  hilfreich sein könnten. Aber den nächsten/ersten Schritt muss er selber gehen. Diese Haltung ist entlastend für mich  –  denn ich kann und werde die Verantwortung für das weitere Handeln und das Leben meines Gesprächpartners nicht übernehmen (können). Wer meint, dies tun zu müssen, setzt sich nur unter Druck und nimmt dem anderen etwas von seiner Selbständigkeit. Es ist eine Illusion, wenn wir glauben, dass wir anderen helfen, indem wir ihnen Schritte abnehmen, die sie selbst gehen müssten. Da ist mir der Satz von Maria Montessori schon viel sympatischer: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ – oder der von Galileo Galilei: “ Du kannst niemanden etwas lehren. Du kannst ihm nur beibringen, es selbst zu entdecken.“

Wie man ein „Problemsystem“ am laufen hält

Wer aber keine Hilfe braucht – wird auch keine annehmen. Es gibt genug Menschen, die vor Problemen einfach ihre Augen verschliesen oder an ihrer Situation (obwohl sie vielleicht als belastend empfunden wird) nichts verändern wollen. Denn eine Veränderung bedeutet für sie mehr Aufwand, als in der jetzigen Situation zu verharren. Diese Menschen haben es sich gut in ihrem „Problemsystem“ eingerichtet.

Manche haben hierin ein ganz besonderes Zeiterleben: es scheint, das manche mit einer unendlichen Vergangenheit belastet sind. In dieser rießigen Vergangenheit ist all das schreckliche passiert, das ihnen jetzt noch zu schaffen macht. Zudem verläuft ihre Gegenwart im Schneckentempo, denn es bewegt sich so gut wie nichts – schon gar nicht zum positiven. Und deshalb ist an eine Zukunft auch nicht zu denken.

Und sie praktizieren ein paar wirkungsvolle Tipps zum „unglücklich bleiben“. Ein paar Beispiele? – bitte sehr: – Vermeide jede Art von Veränderungen, damit alles so bleibt wie es ist; – fühle dich immer als Opfer, nie als Täter/Akteur; – mach´ dir immer bewußt, dass dein Verhalten ein Ausdruck von Defiziten ist; – habe keine konkrete Vorstellung von deiner Zukunft (höchstens als „finsteres leeres Loch“); – versuche dein eigenes Verhalten am besten gar nicht und wenn, unverständlich zu erklären.

Wenn man dies beherzigt und sich entsprechend verhält, hat man gute Chancen, für sich ein  tragfähiges problembeladenes „Erlebismuster“ zu erzeugen. Hilfreich ist es dann noch,  wenn man Menschen kennt, die diese Ansichten teilen, einen darin bestärken und einen als „hilflosen, armen Wurm“  sehen, bedauern und behandeln.

Aber jetzt genug der negativen Beispiele.  Im zweiten Teil will ich nun ein paar Beispiele in loser ungeordneter Reihenfolge nennen, die den systemischen Ansatz praktisch werden lassen.

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Die folgenden Aspekte sind hoffentlich leicht verständlich. Mir ist bewußt, dass die Beispiele nur sehr punktuell und zum gewissen Maß auch oberflächlich beschrieben werden können. Es soll ja hier auch kein neues Lehrbuch über „Systemische Beratung“ entsthehen. Sehen Sie das Ganze als Anregung zum Weiterdenken und evtl. als Impuls für die eigene Gespächsgestaltung.

Systhemische Therorie praktisch.

Gut für den Anfang, wenn´s paßt: die Auftragsklärung

Dies gehört zwar eher in eine Beratungsstelle, wo Klienten im Vorgespräch gefragt werden, was sie für Hilfe brauchen und ob diese Beratungsstelle dann überhaupt eine qualifizierte Hilfe geben kann. Aber auch in einem Gespräch kann die Frage: „Wie/wobei kann ich dir helfen?“-  sinnvoll sein.

Ich habe es schon erlebt, dass ich zu Beginn eines Gespräches viel erzählt bekam. ICH erkannte sofort das Haupt-Problem und ICH war mir zu 95% sicher, dass das weitere Gespräch auch in diese Richtung  gehen würde.

Aber wofür macht man denn eine Fortbildung … – ich hielt inne, legte MEINE Vorüberlegungen zur Seite und sagte: „Sie haben mir jetzt viel erzählt – auch, wo an verschiedenen Stellen Probleme vorhanden sind. Aber was von all´ dem ist ihnen nun am Wichtigsten, worüber sollten wir als erstes reden und bei was würden sie sich als erstes eine Veränderung wünschen.“ Und dann kam etwas, was sie am Anfang nur kurz erwähnt hatte. Das Problem, das ICH erkannt habe war gar nicht IHR „Haupt-Problem“ sondern ein ganz anderes, das für mir gar nicht so wichtig erschien. Hätte ich hier nicht die Kurve bekommen und noch einmal nachgefragt, hätte ich das Gespräch mit MEINEM Thema weitergeführt. Die Gesprächspartnerin wäre wahrscheinlich darauf eingestiegen – aber am Ende wäre für sie vielleicht ein unbefriedigendes Gefühl zurück geblieben, weil wir uns nur mit einem „Nebenschauplatz“ beschäftigt hätten und nicht mit dem Zentrum.

Also auch hier wieder Vorsicht vor dem „Kopf-Kino“ und lieber einmal nachfragen, worum es im weiteren Gespräch denn gehen soll. Denn zwischen zwei Gesprächspartnern kann es unterschiedliche Erwartungen geben oder auch unausgesprochene Aufträge.

Wahrheit und Wirklichkeit – oder: wer hat recht?

Es gibt die interessante Unterscheidung von sog. „harten“ und „weichen“ Wirklichkeitsbeschreibungen. „Harte“ Beschreibungen beziehen sich meist auf Dinge, messbare Größen oder auch Naturgesetze über die es wohl kaum Meinungsverschiedenheiten gibt: ein Baum ist eben ein Baum und die Länge eines Meters ist genau definiert.

Anders sieht es bei den „weichen“ Wirklichkeitsbeschreibungen aus. Ob man z.B. eine Veranstaltung gelungen oder eher missraten empfindet hängt von vielen Faktoren ab. Besucher derselben Veranstaltung kommen vielleicht zu ganz unterschiedlichen Beurteilungen. Ebenso kann auch ein bestimmtes Verhalten eines Menschen völlig unterschiedlich empfunden und bewertet werden. Für die einen ist es noch akzeptapel und OK – für andere kann es aber völlig daneben sein. Wer aber hat nun recht? Wer beurteilt die Situation richtig? Oder darf man so gar nicht fragen?

Für mich steht fest, dass sich jeder seine eigene Sicht der Wirklichkeit im Laufe seiner Lebenszeit zusammen baut. Sie entsteht durch Erziehung, Prägung, Kontakten, Wertevorstellungen, Glauben usw. Und das ist ja auch wichtig und gut so. Wir brauchen unsere persönliche Sicht der Dinge, um uns eine eigene Meinung zu bilden, Entscheidungen zu treffen oder auch etwas beurteilen und bewerten zu können. Diese „inneren Werte“ geben uns Sicherheit und Stabilität und sind für uns vielleicht so etwas wie ein Fels in der Brandung, wenn wir mit verschiedenen Meinungen konfrontiert werden.

Unsere „inneren Wahrheiten“ oder „Theorien“ sind wie Landkarten, die wir brauchen um uns einigermaßen zielgerichtet bewegen zu können. In ihr werden unsere Erfahrungen geordnet und zusammengefasst bis sie schließlich „meine Meinung, meinen Standpunkt“ wiedergeben. Jeder weiß, dass es verschiedenste Landkarten gibt: eine Straßenkarte zeigt besonders die Verkehrswege; eine Wanderkarte Fußwege, eine Karte für Weinkenner interessante Winzer und Anbaugebiete und auf einer geologischen Karte wird man sich als Laie wahrscheinlich gar nicht auskennen und zurecht finden. Es gibt nun aber keine „richtigen“ oder „falschen“ Landkarten, nur solche mit denen wir uns einigermaßen zurechtfinden und ans Ziel kommen.

Wenn nun Menschen zusammen sind, bringt natürlich auch jeder seine persönliche „Lebens-Land-Karte“ mit – und oft genug merkt man dann im Gespräch, wenn man sie vergleicht – das diese nicht immer zusammen passen. (Es ist andererseits natürlich auch ein schöne Erfahrung, wenn man merkt, das  Meinungen und Ansichten kompatibel sind. Das Gefühl, das man andere versteht und auch selbst verstanden wird, ist ja auch nicht zu unterschätzen.)

Für mich war es aber eine wichtige Erkenntnis, dass es eben nicht nur die eine (nämlich meine) Wirklichkeit gibt. Jemand anders empfindet im selben Moment vielleicht etwas ganz anderes – und das darf er auch!

Bertie Vogts soll einmal gesagt haben: „Die Realität ist manchmal ganz anders als die Wirklichkeit“.

Ein einfaches Beispiel: Ich sage zu jemanden, „die Ampel ist grün“ und meine dies (wirklich) nur als Information. In meiner Wirklichkeit denke ich mir nichts weiter dabei – warum auch. Dann bin ich aber völlig überrascht, dass der Fahrer mürrisch auf diese Information reagiert. Aus seiner Sicht war der Satz „die Ampel ist grün“ weniger Information als vielmehr (versteckte) Kritik – etwa so: „paß doch auf, grüner wird´s nicht, fahr doch endlich los, dass ich dir so was immer wieder sagen muss, …“. In seiner „Wirklichkeit“ reagiert er auf diese „Kritik“ natürlich entsprechend und angemessen. Aus meiner Sicht passt die Reaktion aber so gar nicht zu meiner gutgemeinten Information.

Diese Inkompatibilität der persönlichen Wirklichkeitswelten gibt es ja nicht nur beim Autofahren, sondern in vielen Bereichen: Eltern/Kinder; Mann/Frau; alten und jungen Menschen. Beim letztgenannten z.B. ist es ja auch kein Wunder: alte Menschen sind in einer ganz anderen Welt groß geworden als Jugendliche heute. Auch wenn beide in der Gegenwart leben, leben sie doch in ganz unterschiedlichen Lebenswelten und Wirklichkeiten mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen, Werten und Ansichten. Da passt nicht mehr viel zusammen und Spannungen sind vorprogrammiert.

Ein Dialog ist aber trotzdem möglich, wenn man a) wahrnimmt und akzeptiert, das ich nicht die einzig gültige Wahrheit für mich gepachtet habe. (Negativ verstärkt wird dies noch, wenn ich diese Wahrheit auch noch für absolut und unumstößlich halte) und b) meinem Gegenüber seine andere Sicht zugestehe, ich vielleicht sogar versuche zu verstehen, wieso er so denkt.

Wenn ich das nicht berücksichtige kann es in einem Gespräch schnell passieren, dass einer versucht dem anderen seine Meinung überzustülpen. Das passiert dann leicht, wenn jemand von seiner Sichtweise so überzeugt ist, dass er keine andere gelten lässt. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen feine Antennen für solche „Überredungs-, oder Manipulationsversuche“ haben und sich schnell zurückziehen, wenn sie so etwas wahrnehmen.

Interessante und angenehme Gespräche ergeben sich dann, wenn die Gesprächspartner die Freiheit haben ihre Meinungen frei zu äußern und wenn diese Meinungen dann vom anderen nicht gleich in „richtig“ oder „falsch“ einsortiert werden oder wenn unterschiedliche Ansichten auch einmal  nebenenander stehen bleiben dürfen.

Denn ich habe natürlich das Recht, eine eigene Meinung zu haben und ich muss diese auch darlegen dürfen.  Und wer sagt denn, dass meine Worte beim anderen nicht etwas ins Schwingen bringen und zum Nachdenken anregen? Gerade bei Gesprächen über den Glauben traue ich Gott und dem Heiligen Geist zu, dass er meine zeugnishaften Worte benutzt, dass Menschen weiter über ihn nachdenken. Wenn ich aber schon mit dem Vorsatz in ein Gespräch gehe, den anderen von meiner Sichtweise zu überzeugen, ist ein offenes Gespräch, das den anderen ernst und auch in seiner Persönlichkeit wahrnimmt, meiner Ansicht nach, kaum möglich.

Gut wenn sie einem einfallen: Schlüsselwörter

Um eingefahrene Lebenssituationen zu erweitern, eigenen sich Schlüsselwörter. Schlüsselwörter sind Wörter, die in besonderer Weise geeignet sind, Optionen in einem Lebenssystem zu öffnen, das sich in einer bestimmten Wirklichkeitssicht festgefahren hat.

Beispiel: Ein Mann hat sich zurückgezogen, hält kaum Kontakt mit der Familie und verlässt das Haus so gut wie nicht mehr.

Ein gutes Schlüsselwort ist hier: „Streik“.

Frage an die Familie: „Wie erklären sie sich, dass er in Streik getreten ist?“ Frage an den Mann: „Warum haben sie beschlossen in Streik zu treten?“

Die Vorteile dieses Schlüsselwortes sind: a) Es spricht von einem freiwilligen, absichtlichen Verhalten (keine zwingt ihn ja, sich zurückzuziehen); b) es vermittelt zugleich die Vorstellung nicht hilflos einer Situation ausgeliefert zu sein (ein Streik wir ja bewußt begonnen und kann auch beendet werden); c) es nimmt eine Beziehung auf: Streik gegenüber wem?; d) es können Überlegungen über die Funktion eines Streikes erfolgen: Streiks können gerechtfertigt / ungerechtfertigt sein; gegen jemanden ausgerufen werden; sie können darauf abzielen etwas zu verhindern oder etwas zu erreichen und e) es macht deutlich: Streiks sind zeitlich begrenzt.

Durch die Einführung solcher Wörter ergibt sich ein größerer (gedanklicher) Spielraum. So ein Wort muss einem nur noch zur richtigen Zeit einfallen…! 🙂

Verstörung

Nehmen wir als Beispiel einen Ameisenstamm, bei dem die Regel gilt, dass eine Ameise, wenn sie auf dem Weg zum Futter auf eine andere trifft, sich an diese anschließt und hinterher läuft. Die Ameisen finden auf diese Weise lange Zeit zu ihren Futterquellen. Ein Problem bekommen sie, wenn der Kopf der ersten Ameise einer langen Ameisenkette auf den Schwanz der letzten Ameise derselben Kette trifft. Dann schließt sich der Kreis, die Ameisen laufen dauernd in diesem Kreis herum und verhungern schließlich, weil sie vor lauter Kreisen nicht mehr zur Futterquelle finden. Systemische Therapie dieses Ameisenstammes im Sinne einer Verstörung würde bedeuten, an irgendeiner Stelle zwischen zwei Ameisen ein Brett zu legen, welches die Kette unterbricht. Damit wäre das Muster außer Kraft gesetzt, „verstört“, und die erste Ameise vor dem Brett müsste einen neuen Weg suchen. Das bestehende Muster ist unterbrochen.

Der Gesprächspartner hat so die Möglichkeit bisherige Abläufe/Muster infrage zu stellen, sie in Zweifel zu ziehen oder kritisch zu hinterfragen.  Es kann für den Ratsuchenden hilfreich sein, liebgewonnene Glaubens-, und Lebenssätze mit Hilfe von „Verstörungsfragen“ einer Prüfung zu unterziehen.Verstörungsfragen kommen für den Gesprächspartner unvermittelt, sind ungewöhnlich und können so die Situation in ein anderes, als das gewohnte Licht rücken. Wenn z.B. eine Frau erzählt, dass sie von ihrem Mann unterdrückt wird, könnte so eine Frage sein: „Was haben sie davon, dass sie es ihrem Mann erlauben, so mit ihnen umzugehen?“

Bedingung ist natürlich, dass der andere sich darauf einlässt –  wenn die Ameise über das Brett klettert, hat keine Verstörung stattgefunden.

 Wenn die Fee zu Besuch kommt.

Wenn keine Ressource sichtbar ist, es auch keine Ausnahmesituation vom Problem gibt, kann vielleicht nur ein Wunder helfen. Solch ein Wunder könnte z.B. durch eine gute Fee erfolgen. Folgende Fragen könnte dann gestellt werden:

Wenn das Problem plötzlich weg wäre (weil eine Fee das Problem weggenommen hat)        – Woran würden sie als erstes erkennen, dass es weg ist?

Wichtig ist auch, das, was nach dem Wunder geschieht genau zu erfragen: Was würden Sie am Morgen danach als Erstes anders machen? Was danach als zweites? Wer wäre am meisten überrascht davon? Was würden Sie am meisten in ihrem Leben vermissen, wenn das Problem plötzlich weg wäre?

Die Wunderfrage erzeugt zwei Effekte: a) Unverbindlichkeit: Für ein Wunder kann man ja nichts, Phantasien kann man freien Lauf lassen. Es besteht auch kein „Umsetzungszwang“, erweitert aber die Vorstellungen, die evtl. zu einer Lösung führen könnten. Und  b) Realitätsnähe: Es braucht nichts Übernatürliches, sondern vielleicht nur ein paar handfeste Tätigkeiten um so ein „Wunder“ umzusetzen. Vielleicht muss man nur ein wenig mehr oder konsequenter das tun, was man vielleicht schon getan hat, um das Problem (wenigstens zeitweise) zu besiegen.

 

Fortsetzung folgt.

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