Flohmarkt

Galiläa

Heute soll es um Galiläa gehen – und darum, dass Jesus seine Jünger (nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt) dorthin schickt.  Dieser Auftrag: „Geht nach Galiläa!“ findet sich ja an einigen Stellen im NT: Bereits vor seiner Gefangennahme sagt Jesus: Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ Und den Frauen am leeren Grab (in  Mt. 28,10) sagt er: „Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.“ Der weiß gekleidete Jüngling im leeren Grab sagt ebenfalls: (Mk 16,6) „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten? Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“

Warum gerade Galiläa? Ich kann mir vorstellen, dass die Jünger sich das auch fragten: Warum ausgerechnet dort? Was werden wir da erleben? Warum schickt er uns dort hin? Und – wie wird es sein, wenn wir ihn,  den Auferstandenen dort wiedersehen? Viele dieser ganz frühen „nach-österlichen Begegnungen“ liegen im Verborgenen und wurden erst viel später aufgeschrieben.  Vieles wurde zuerst nur mündlich weitergegeben. Wahrscheinlich auch Lückenhaft… (Das jüngste – Mk-Ev. erst 70 n.C. – die anderen noch später…).

Wirklich alt sind nur einzelne kurze überlieferte Bekenntnissätze, wie: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Oder: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und ist dem Simon erschienen. Mit diesen kurzen einfachen Sätzen, die von Mund zu Mund gingen, hat sich aber die Ostererfahrung der Jünger verbreitet und der Glauben verfestigt.

Wie gesagt: die wenigen Berichte, die über die Begegnungen mit dem Auferstanden Jesus aufgeschrieben wurden, sind nüchterne, knappe Beschreibungen. Vieles bleibt hier Verborgen. Aber trotz allem: eines bewirkten sie doch: eine unerschütterliche Gewissheit: unser Meister lebt. Wenn auch nicht mehr leibhaftig unter uns – so ist er uns doch auf geheimnisvolle Weise nahe – nahe bei uns!

Aber diese Knappheit und Nüchternheit der Berichte rund um Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten und auch die Tatsache, dass Jesus jetzt nicht mehr leibhaftig dabei war (man konnte ihn ja nicht mehr direkt fragen) – ließ gerade am Anfang viel Raum zu allerlei abenteuerlichen Spekulationen und Mutmaßungen, innerhalb – und vor allem auch außerhalb der Gemeinde Jesu. Es gab wirklich viele Stilblüten und Fehlformen auf dem damaligen großen Markt der religiösen (Un)Möglichkeiten:

In Korinth gab es z.B. ekstatische Gottesdienste, bei denen man den Eindruck haben könnte, viele Beteiligten wären jetzt schon allem irdisch-, erbärmlichen  – auf wunderbare Weise entrückt – und hätten jetzt schon Teil an der himmlischen Herrlichkeit. Einige behaupteten sogar, sie hätten ihre eigene Auferstehung von den Toten bereits hinter sich. Für diese Leute, spielte das Leben hier auf der Erde keine Rolle mehr. Sie lebten praktischen schon im Himmel.

Wir lächeln heute über diese Entgleisungen, aber vor allem diese „ekstatischen Formen der Weltflucht“ waren für die Christen des 1. Jhrd. eine ernste Gefahr.  Diese Gruppen stellten die Lehre Jesu in Frage oder vermischten sie mit ihren eigenen Vorstellungen. Da gab es z.B. die „Gnosis“, die damals mit einer hellenistischen Erlösungstheorie viele Anhänger fand. Die Gnosis verkündigte: In einem Akt der Erleuchtung könne man jetzt schon allem irdischen, sterblichen entkommen. Diese Gedanken haben viele fasziniert: denn – wer wünscht sich das nicht: alles irdische Belastende abzustreifen und in eine neue wunderbare, sorgenfreie andere Wirklichkeit abzutauchen. Kein Wunder das sich hier viele Anhänger fanden!

In einem Bibel-Kommentar wurde den Anhängern solcher Gruppierungen ein ungewöhnlicher Name gegeben. Dort stand: Neben der christlichen Gemeinde bildete sich so eine bunte Schar von „Halleluja-Schlümpfen“. Paulus musste dem Treiben dieser Halleluja-Schlümpfe einen Riegel vorschieben. Er hatte es vielleicht selber erlebt, dass z.B. in Korinth, Gemeindeglieder aufstanden und sagten: Wir beten den himmlischen Jesus an – aber wir verfluchen den Jesus, der auf dieser Erde gelebt hat. In vielen Abschnitten seiner Briefe kämpft und argumentiert Paulus so gegen diese vielfältigen aufkommenden Irrlehren.

Aber einen Vorteil hatte diese Halleluja-Schlümpfigkeit: Gegen Ende des 1. Jhrd. (70-100 n.C.) kam es zu einer Gegenbewegung der jungen Kirche. Und die wichtigste Errungenschaft dieser Gegenbewegung war die  Abfassung der 4 Evangelien. Es war damals nämlich unheimlich wichtig, rasch einen verbindlichen Maßstab zu haben an dem man Irrlehre, also Häresie von richtiger Lehre unterscheiden konnte. Ohne Gnosis und Co. hätte es wahrscheinlich nicht so früh diese Sammlung gegeben, die wir heute NT nennen.

Mit den Schriften des NT´s hatten die Christen nun einen verbindlichen Maßstab bekommen, mit deren Hilfe man die verschiedensten Lehren überprüfen und ggf. auch verwerfen konnte. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass Mt, Mk, Lk & Joh., (auch Paulus) in gleicher Weise beschreiben, dass der Sinn von Ostern und Pfingsten eben nicht darin besteht, dass wir uns in immer höhere geistlich-fromme Sphären schrauben – sondern das Osterbekenntnis / und auch der Heilige Geist, wollen uns helfen und befähigen…, hier auf der Erde, in unserem kleinen Lebens-Umfeld, in unserem Alltag unser Christsein zu leben und zu gestalten.

Mit all den Problem und ungelösten Fragen die das mit sich bringt. Denn unser Christsein soll eben nichts abgehobenes sein – oder gar zur Weltflucht werden. Wir leben als Christen (noch) hier auf der Erde und eben nicht schon im Himmel.

Und so kommen wir nun auch zum Thema: Galiläa, – in Galiläa wird sich nämlich die  Verheißung erfüllen, dass wir dort, und nur dort dem Auferstanden begegnen. Oder anders gesagt: Wenn ihr dem auferstanden Jesus begegnen wollt, dann werdet ihr ihn nicht im Himmel begegnen – aus einem einfachen Grund: Nicht weil er nicht dort wäre – nein, Jesus ist dort: das glauben und bekennen wir – sondern weil wir  noch nicht dort sind.

Nein, wenn ihr Jesus begegnen wollt, dann müsst ihr dahin gehen wo alles seinen Anfang nahm – und das war in Galiläa. Natürlich werden wir jetzt nicht die Koffer packen und nach Israel fliegen. Galiläa ist für mich (wie ich anfangs schon sagte) nur ein Synonym für den Ort, wo wir Jesus begegnen können – denn in den Galiäa Geschichten lernen wir 1zu1, was Nachfolge bedeutet.

Wer Jesus ist, was er wollte, wie er mit Menschen umging – all das haben die Jünger in der Nachfolge, drei Jahre lang dort erlebt und gelernt. Und das, was sie – und auch wir – in diesen Galiläa Geschichten nicht begreifen und lernen (wollen) – werden wir an anderen Stellen erst recht nicht verstehen.

Galiläa bewahrt uns vor eigenen fromm -theologisch  -ekstatisch -charismatischen Vorstellungen und Phantasien. Eben, einem abgehobenen verklärten Christsein, das seine Bodenhaftung verloren hat.

Ich möchte hier zwei kleine Randbemerkung einschieben: 1.) Es gibt ja diese modernen Worship und Anbetungslieder, die u.a. von Jugendlichen so gerne gesungen werden.In denen wird zwar Jesus genannt und angebetet – aber oft  –  m. E. auf sehr abgehobene, oberflächliche und auch manchmal vergeistigte Art. Halleluja-Schlümpfigkeit – das kann auch in Mode kommen.

Und 2. passt m.E. auch eine kleine Begebenheit bei der Himmelfahrtsgeschichte dazu: Da sagen die beiden Engelsgestalten zu den Jüngern: Was steht ihr da und schaut zum Himmel? Im englischen wird das noch etwas deutlicher – dort steht: „their eyes fixed on the sky“. (hier steht noch nicht einmal das fromme „heaven“, sondern nur das gewöhnliche „sky“) Wenn Eure Augen nur gen Himmel schauen, dort vielleicht sogar fixiert sind, werdet ihr Jesus nicht finden.

Mit anderen Worten: Wen der irdische Jesus nicht reicht, wer Jesus erst als Himmelskönig interessant oder relevant findet, der wird dem Auferstanden nicht begegnen, höchstens seinen eigenen Fantasien und Wunschvorstellungen. Nachfolge geschieht eben nicht in meiner persönlichen Theorie.

Anders der Auftrag Jesu: Geht nach Galiläa! Dies ist ganz praktisch und konkret! Dort sollen sie in seine Fußspuren treten, und nur wenn sie das tun werden – werden sie dem auferstandenen Herrn begegnen. Jesus schickt sie dorthin, damit sie sich alles vergegenwärtigen was er dort tat und lehrte:

denn dort hat er alles gesagt und dort ist er alles gewesen.

Und den Jüngern soll dort klar werden: Mit dem was ihr dort seht, was ihr dort lernt,  könnt  ihr euer Christsein –  und eurer Berufung gemäß leben.

Aber für was steht denn nun dieses Galiläa. Was hat Jesus denn dort alles getan? Kann man diese vielen Geschichten irgendwie zusammenfassen? Ich habe es einmal versucht und mir sind 6, (ja quasi) Überschriften eingefallen, die Jesus Wirken dort beschreiben.

Diese Punkte erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Ich bin mir sicher, wenn Sie Galiläa Geschichten lesen, fallen Ihnen vielleicht noch weitere Aspekte ein.

Versuchen sie es doch mal…!

Aber nun zu meinen Punkten – und einigen Anmerkungen, die sich daraus ergeben:

1) In Galiläa haben wir von Jesus gelernt, das Gott niemanden bedroht, sondern nichts zu geben hat als seine Liebe. Welches Gottesbild besitzen sie? Ein Gott der sie mit der Hölle (be)droht, oder ein Gott der mit Liebe um seine Menschenkinder wirbt? Schuld und Verlorenheit haben ihren wichtigen Platz in der Verkündigung – aber über allem steht doch die Liebe Gottes zu seinen Menschen. In Galiläa haben die Menschen das im Zusammensein mit Jesus erlebt. Gut wenn auch hier Menschen erfahren, das Gott niemanden bedroht, sondern nichts zu geben hat als seine Liebe.

2) In Galiläa lernen wir: diese Liebe gilt jedem Geschöpf auf der Erde. In einer christlichen Radiosendung hat einmal ein Kind gesagt: „Ja…, mit Gott ist das ja so, Gott mag ja jeden.“ Das ist O-Ton Galiläa. Ich mag nicht jeden, aber was mache ich mit dieser Tatsache? Viele Menschen (nicht alle), die Jesus begegnet sind, haben sich verändert. (Zachäus z.B.) Ich habe mir die Frage gestellt, ob vielleicht Jesus mich zuallererst verändern muss – bevor ich mit Fingern auf andere zeige? Wie stark sind meine festen Vorstellungen und Schutzmauern, die sich seiner Veränderung entgegenstellen? Galiläa zeigt uns, seine Liebe gilt jedem Geschöpf auf dieser Erde – und vielleicht gerade auch denen, die ich nicht so mag. Und sie gilt mir!

3) In Galiläa lernen wir: Jesus ist nur dort zu finden wo die Armen aufatmen und die Hilflosen jemanden finden, der für sie Partei ergreift. Hier fiel mir der Leitspruch der Paul-Gerhardt-Gemeinde ein: „Zuhause sein wo Christus zu Hause ist.“Gut, wenn bei uns Arme aufatmen und Hilflose Hilfe finden. Denn dort ist Jesus dann auch zu finden!

4) Gott braucht keine Tempel, keine Priester und keine Opfer, sondern er ist dort zu finden, wo ein Mensch ein einfaches, stilles Gebet spricht. (Auch das können wir dort von Jesus lernen, der sich oft zurückgezogen hat – einfach um zu beten).  So schön unsere Kirche und auch unser neues Gemeindehaus auch ist. Aber Kirche ist immer mehr als Gebäude, mehr als Hauptamtliche, Finanzen, Statistiken und Prognosen. Das sollten wir bei allem Wichtigen, was eine Gemeinde so beschäftigt nicht vergessen. Gott ist ganz nah bei Ihnen – und er ist nur ein Gebet weit von ihnen entfernt. Gott braucht keine Tempel, keine Priester und keine Opfer, sondern er ist dort zu finden, wo ein Mensch ein einfaches, stilles Gebet spricht.

5) Für die menschliche Gesellschaft gibt es aussichtslose Fälle – aber bei Gott gibt es keinen einzigen aussichtslosen Fall. Bei wie vielen Menschen habe ich (vor allem innerlich) die Türen schon zugeschlagen. Oder als Seelsorger erlebe ich, Menschen, die bei sich selber Türen zugeschlagen haben. Innerlich oder zu anderen. Jesus hat bei den Menschen, denen er begegnet ist, (manchmal sehr behutsam) Türen geöffnet. Für die menschliche Gesellschaft (vielleicht auch unter Gemeindemitgliedern) gibt es aussichtslose Fälle – aber bei Gott gibt es keinen einzigen aussichtslosen Fall, keine zugeschlagene Tür, die er nicht wieder öffnen könnte. Das haben die Menschen in Galiläa (und nicht nur da) erlebt.

6) Das Reich Gottes ist wie ein Samen, der im Dunkel des Ackerbodens keimt und wie von selbst aufgeht. So ist das Reich Gottes sagt Jesus. Wir können im Glauben nichts erzwingen. Aber wir können Zeugen sein. Nicht mehr und nicht weniger. Es gibt viele Beispiele in der KG, wo Menschen nur durch ihr Leben und Handeln andere neugierig auf Gott gemacht haben. Wenn wir als Zeugen mit Jesus leben, hat dies Auswirkungen auf andere. Paulus sagt: Ihr seid wie eine Brief, den die Leute lesen. So funktioniert Reich Gottes. Und die leisen anscheinend unscheinbaren Dinge, die wir als Menschen und Gemeinde tun, können oft mehr bewirken als großartige Kundgebungen oder Kirchentage.

Das Reich Gottes ist wie ein Samen, der im Dunkel des Ackerbodens keimt und wie von selbst aufgeht. So ist das Reich Gottes sagt Jesus. Diese Sätze (und wahrscheinlich noch viel mehr, wenn ich z.B. die Bergpredigt und die Seligpreisungen mit dazu nehme) – stehen für mich für Galiläa: Dort in diesen Geschichten und Begegnungen könnt ihr alles sehen und hören, was wichtig ist – und dort ist alles gesagt aber auch zugesagt, was nötig ist.

Der Auferstandene wird erkannt in Galiläa. D.h. für uns: wir sollen dieser Spur folgen, sie ist ausreichend vorgezeichnet: – dient einander; – kümmert euch um die Fremden (auch die Gemeindedistanzierten), achtet die Verachteten; – haltet der Schöpfung die True und jagt dem Frieden nach. Wenn ihr dieser Spur folgt, dann seht ihr in das offene Angesicht Jesu.

Jesus in Galiläa nachfolgen heißt: Die Fragen der Zeit ernstnehmen und verstehen – selbst wenn unser eigener Glaube schon mal dabei eine Schramme bekommt. Und wenn wir Jesus in unserem Galiläa-Alltag bezeugen, dann möge es Gott schenken, das seine Gegenwart – in einer Welt der Toten und der Gräber – und der unbeantworteten Fragen sichtbar wird.

Denn auch uns gilt der Auftrag: Geht jetzt nach Galiläa – dort wird er euch begegnen. Amen.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*