Flohmarkt

Einführungspredigt: Klinikseelsorge

Predigt zu meiner Einführung in die Klinikseelsorge im Okt. 2006.

Einleitung

Ein Theologe hat einmal die These aufgestellt: Theologischen Grundlagen, also das Wichtigste des christlichen Glaubens ließe sich so zusammenfassen, dass es auf eine Postkarte passen würde.

Über die Größed er Schrift hat er nichts gesagt – aber interessante Vorstellungen. Bei der Vorbereitung (Predigt) kam mir zu dieser Aussage folgender Gedanke: Könnte ich, … das Wichtigste, die Grundlage meines Dienstes hier in der Klinikseelsorge, aber auch des Dienstes in der Paul Gerhardt-Gemeinde (Gemeindediakon), mit einfachen Worten ausdrücken und im Rahmen einer Predigt zusammenfassen (?)

… einer Predigt, bei der sie heute nicht erst um 23.00 Uhr nach Hause kommen? Kann das überhaupt gelingen? Was so einfach klingt, ist doch irgendwie schwierig umzusetzen: wo fängt man an und wo hört man auf. Ich war schon fast dabei aufzugeben, da fiel mir Buch in die Hand. Das trug den Titel: Aus Gnade leben – den Menschen sehen – das Wort sagen. Und ich dachte: (bescheiden wie ich bin): besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. …besser könnte man die Grundlage meines Dienstes nicht beschreiben. Dies ist es!

Aber es war spannend, dieses Thema zum einen für mich zu entfalten und zum anderen freue ich mich nun, diese Gedanken mit ihnen zu teilen.

Erstens: „aus Gnade leben“

Ich finde es gut, das das Wort von der Gnade am Anfang und vor allen weiteren Überlegungen steht. Denn dies macht mir bewusst: bevor ich irgendetwas tun kann, hat Gott schon unendlich viel an mir und für mich getan. Alles Wesentliche hat mir Gott geschenkt: mein Leben, meine Begabungen, meinen Verstand, die Menschen, die mich begleitet haben und mich jetzt begleiten.

Und Gott hat an mir festgehalten, hat meine Launen ausgehalten, hat Türen geöffnet und verschlossen. Und ist „an mir dran geblieben“ – selbst dann, wenn ich einmal so gelebt habe, als ob es ihn nicht gibt.

Es gibt eine bibl. Geschichte, in der ich all das – … in der ich auch mich – wieder finden kann: es ist die Geschichte vom „verlorenen Sohn“. Da schenkt der Vater seinem Sohn auch all das, was er zum Leben braucht – ja viel mehr sogar. Und der Sohn, – der benutzt das  – um von ihm wegzugehen. Lässt sich sein Erbe ausbezahlen und verschwindet. Und in seiner scheinbaren Freiheit landet er am Ende ganz unten in „der Gosse“. Beim Vater hatte er alles – jetzt hat er alles verloren. Ich bin Gott dankbar, dass ich nicht so weit abstürzen musste (wie dieser Sohn) aber weggelaufen bin ich auch schon oft. … und  ein paar Eigenschaften dieses Sohnes kann ich auch bei mir entdecken.

Aber das Tolle an der Geschichte ist: der Sohn darf zurückkommen. Der Vater hat die ganze Zeit sehnsüchtig auf ihn gewartet. Und als der Sohn sich besinnt, wie gut er es beim Vater hatte und zurückkommt (Herzklopfen) – nimmt ihn der Vater wieder auf und schließt ihn in die Arme. Das tut gut! In den Armen des Vaters darf er aufatmen und zur Ruhe kommen. Jetzt muss er seine Fehler und Macken, auch seine Schuld nicht mehr verstecken. In den Armen seines Vaters wird altes abgeschlossen und neues geschenkt.

Viele Bilder wurden über diese Geschichte gemalt, und am eindrücklichsten sind für mich die, in der man diese Szene sieht: Dort wo der Sohn vom Vater innigst umarmt wird, oft so, dass er fast in den Armen des Vaters versinkt.

Einer hat zu so einem Bild einmal folgendes geschrieben: Deine Arme greifen ganz um mich herum,niemand wird mich da herausreißen. Und das macht mir Mut. Auch wenn ich müde werde und falle, darf ich zurückkehren in deine Arme, darf ich mich ausweinen bei dir – und du gibst mir neuen Mut. du tröstest und stärkst mich, und nun kann ich weitergehen … bis ich einst für immer in deine Arme fallen werde.

„Aus Gnade leben“ – wie gut, dass dies der Anfang ist. Wie gut, dass Gott mich zuerst in die Arme nimmt, bevor er mich beauftragt. Auch beauftragt:

Zweitens: den Menschen sehen

Ich weiß nicht, wie viele Menschen wir im Durchschnitt täglich sehen? sind es 50, 100, 200, mehr? Aber in der Seelsorge kann es nicht um dieses oberflächliches Sehen gehen. Von Jesus heißt es einmal: Er ging umher und als er das Volk, die Menschen sah, jammerte es ihn. Die Menschen, die Jesus dort sah, ließen ihn nicht wie er war. Im Griechischen steht da: esplachinomai – (Lth. hat etwas abgemildert übersetzt: es jammerte ihn) wörtlich heißt es aber: es drehte sich ihn der Magen/die Gedärme um.

Wie, wenn man etwas ganz schreckliches sieht und es einem fast schlecht dabei wird. So sehr hat ihm die Not jedes einzelnen Menschen berührt. Jesus sah nicht weg – und was er da sah – vor allem unter der Oberfläche – das erschütterte ihn. Er sieht die Menschen mit ihren Sehnsüchten und Verletzungen, die Lebensängste, Grenzen und verkrampften Hoffnungen.

Er sieht mehr als vielleicht den mürrischen alten Mann, der mit allem unzufrieden ist, und irgendwie versucht seine Wut an mir auszulassen,  er sieht mehr als die Frau, die scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann, der aber immer wieder Tränen über das Gesicht laufen, wenn sie über einen Punkt in ihrer Lebensgeschichte erzählt oder den, der von der Kirche nichts mehr wissen will und auch einen Besuch von mir nicht wünscht.

Den Menschen sehen – vielleicht sollte ich es besser so sagen: Lernen den Menschen so zu sehen, wie Jesus Menschen sieht. Vielleicht gelingt mir das dann besser: dass ich versuche zu verstehen und nicht schnell urteile; dass ich versuche zuerst zu fragen und nicht gleich antworte; ich will zuerst hören und nicht reden; ich will begleiten und nicht leiten; ich will Raum geben und nicht bedrängen.

Ich wünsche mir diesen Blick der hinter die Fassaden sieht, ohne dass es für den anderen beschämend ist: Gott sagt über seine Menschen: Dieser Mensch ist sehr gut, er ist in meinen Augen wertgeachtet und herrlich. So möchte ich Menschen sehen!

Drittens: das Wort sagen

Wörter haben Konjunktur in unserer Zeit. Buchmesse, Fernsehen, Radio, geschriebenes und geredetes Wort – auf jeden Fall haben wir es mit vielen Wörtern jeden Tag zu tun.

Aber im Gespräch mit Menschen kann es nicht darum gehen viele Wörter zu machen. So wie beim Sehen, kann auch das Reden an der Oberfläche bleiben. Ein Gespräch wird dann gut und wertvoll, wenn es mir gelingt … das eine Wort zu sagen, das Wort das ankommt, trifft (positiv) und (auf-)hilft.

Eine biblische Geschichte, in der das gelungen ist, ist die Geschichte der „Emmaus – Jünger“. Da sind zwei, die es nach der Kreuzigung Jesu in Jerusalem einfach nicht mehr aushalten. Alles worauf sie ihre Hoffnungen gesetzt hatten, was sie einst bewundert haben ist jetzt nur noch bedrückend und belastend. Für sie heißt es nur noch: Nichts wie weg.

Und auf ihrem Fluchtweg begegnet ihnen Jesus, der sie begleitet. Er überholt sie nicht, sondern geht mit ihnen. Die beiden haben Zeit von ihren Erlebnissen und vor allem ihren Enttäuschungen zu erzählen. Und natürlich stimmt das alles, was sie da sagen. Das haben sie ja erlebt! Die Enttäuschung ist echt! Aber sie merken nicht, wie eingeengt ihr Horizont dabei geworden ist.

Und was macht Jesus: er erinnert sie an die alten Verheißungen legt ihnen die Worte der Bibel behutsam aus. Hilft zu verstehen, nimmt sie mit seinen guten Worten an der Hand. So können sie über alles reden und so legt er verschüttetes wieder frei. Nur weil er die beiden auf ihrem Fluchtweg nicht alleine lässt, … mitgeht, versucht zu verstehen, … zuhört, nachfragt, Zeit hat – nur so findet er die richtigen Worte, das richtige Wort.

Natürlich hat Jesus eine andere Sichtweise, eine andere Deutung der Dinge, aber er stülpt sie den beiden nicht über, hier ist ein Gespräch im wahrsten Sinne des Wortes ein Weg den sie miteinander gehen. (auch erst mal in die falsche Richtung) Und nur weil er diesen Weg mitgeht können gute, richtige Worte gesagt werden, die die beiden zurückholen aus ihrer eigenen engen Sicht der Dinge.

Ich sagte vorhin: Ein Gespräch wird dann gut und wertvoll, wenn es mir gelingt … das eine Wort zu sagen, das Wort das ankommt, trifft und hilft. Nach dem Gespräch mit Jesus können die beiden Jünger aufstehen und froh nach Jerusalem zurückkehren. Jetzt mit einem anderen neuen Thema. So kommt Seelsorge ans Ziel.

Übrigens ist mir aufgefallen, das das Wort, das das Aufstehen der Jünger beschreibt (bevor sie nach Jerusalem zurückkehren), im NT nur noch an einer einzigen Stelle noch einmal vorkommt: nämlich am Ostermorgen, als Jesus vom Grab auferstanden ist. Hier beim Aufstehen der Jünger und bei der Auferstehung Jesu benutzt der Evangelist das gleiche Wort: (das wäre eine eigene Predigt wert).

Ob mir das gelingt, in meinen Gesprächen, das Menschen dies erfahren und neue Hoffnung schöpfen können. Aber ist es nicht so, dass man diese guten Worte nicht lernen oder irgendwie herbeiführen kann? (Natürlich kann und muss man, wie in jedem Beruf, wichtige Dinge lernen – auch für Seelsorger gibt es Fort- und Weiterbildungen.   (gut so))

Aber ist z.B. ein 6-Wochen Kurs, (nächstes Jahr) Garant dafür, dass ich dann nur noch gute und hilfreiche Gespräche führe? Ich bin davon überzeigt, das uns die passenden, hilfreichen, wichtigen und richtigen Worte geschenkt werden müssen.

Und somit sind wir wieder am Anfang: Es ist Gnade und nicht mein Verdienst wenn ein Gespräch, eine Begegnung wertvoll und gut wird. Es ist Gnade, wenn mir im richtigen Moment das gute Wort einfällt. Und so bleibe ich, bleiben wir von dem abhängig der uns begabt und befähigt diesen Dienst als Seelsorger an den Menschen zu tun.

Ich, mit allem was zu mir gehört, aber ich stelle mir das so vor: immer mit einem Ohr ganz bei meinem Gegenüber und mit einem Ohr bei Gott, so möchte ich meinen Dienst tun.

Mit einem letzten Gedanken aus der Emmaus Geschichte  möchte ich diese Predigt beenden: Jesus bleibt bei den beiden bis zum Abendbrot. Die beiden bitten ihn, mit einem Gebetswort dieses Essen zu beginnen – Und nachdem er das getan hat … ist er verschwunden.

Jetzt erkennen sie ihn – aber im gleichen Augenblick ist er nicht mehr da. Ich kann mir gut vorstellen, dass die beiden ihn gerne mitgenommen hätten um ihn allen Leuten (vor allem den Zweiflern und Lästerern) zu präsentieren. Aber Jesus ist verschwunden.

… Ob wir das begreifen, dass wir Jesus nie in den Griff bekommen? Er ist uns nicht verfügbar, entzieht sich unserer Kontrolle. Wir haben keinen Vorzeige Christus, keine Vorzeige Bibel, keinen Vorzeige Glauben. Wir haben nichts in der Hand, nichts als das Brot und den Wein beim Abendmahl.

Das was wir glauben – können wir nicht beweisen. Aber als glaubende Menschen werden wir anders reden, anders miteinander umgehen, Menschen anders sehen und ihnen anders begegnen, andere Worte mit ihnen reden – nicht weil wir besser wären, sondern weil Gott unser Leben in seinen guten Händen hält. Das ist mein Wunsch, das dies andere spüren und so neugierig auf diesen Gott werden.  Amen.

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